load selection
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„Der projizierte Ort“
Die Gemeinschaftsarbeit „load selection“ von Sinta Werner und Markus Wüste operiert an der Schnittstelle von Skulptur, Bildraum und architektonischer Wahrnehmung. Ausgangspunkt der Arbeit ist kein autonomes skulpturales Volumen, sondern ein fragmentarischer Ausschnitt urbaner Realität: eine Gebäudeecke mit angrenzender Bodenfläche im öffentlichen Raum. Dieser alltägliche Ort wird jedoch nicht dokumentarisch reproduziert, sondern durch ein Verfahren der räumlichen Transformation in einen paradoxen Objektzustand überführt. Der reale Außenraum erscheint, als wäre er aus seiner ursprünglichen Umgebung extrahiert und in den Ausstellungsraum „teleportiert“ worden – eine Verschiebung, die an Bildlogiken des Science-Fiction erinnert, zugleich jedoch auf grundlegende Fragen gegenwärtiger Raumproduktion verweist.
Formal basiert die Arbeit auf der Verräumlichung einer kreisförmigen Projektion. Die architektonische Situation wird nicht als orthogonales Modell rekonstruiert, sondern als konischer Körper übersetzt, dessen sichtbare Fläche einer kreisrunden Projektion entspricht. Damit entsteht eine Skulptur, die weniger einen Ort abbildet als die Bedingungen seiner Wahrnehmung materialisiert. Perspektive wird hier nicht optisch simuliert, sondern körperlich gebaut. Die Arbeit transformiert einen Bildausschnitt in ein räumliches Objekt und macht damit sichtbar, dass Wahrnehmung stets von technischen, geometrischen und medialen Operationen strukturiert ist.
Innerhalb aktueller Kunsttheorie lässt sich „load selection“ als Reflexion auf den Übergang vom fotografischen beziehungsweise digitalen Bild zum physischen Raum lesen. Während klassische Skulptur traditionell aus Volumen, Masse und Statik entwickelt wurde, operiert diese Arbeit aus einem Bild heraus: Der Raum erscheint wie aus einer Projektionslogik generiert. Damit verschieben sie die Skulptur in einen postmedialen Zustand, in dem Architektur, Rendering, Modell, Fragment und Objekt ineinander übergehen. Die konische Form erinnert zugleich an Seh- und Projektionsapparate – an Lichtkegel, Perspektivkonstruktionen oder digitale Mapping-Verfahren – und verbindet so analoge Materialien mit den epistemischen Bedingungen zeitgenössischer Bildkulturen.
Entscheidend ist dabei die Materialität der Arbeit. Wandputz, Fliesen, Klinkersteine, Gehwegplatten und Kantensteine stammen aus der alltäglichen urbanen Wirklichkeit und behalten ihre konkrete physische Präsenz. Die Arbeit vermeidet jede illusionistische Glätte; an den Schnittkanten werden Mauerwerk, Schichtungen und innere Strukturen sichtbar. Teilweise öffnen sich Einblicke in eine Wohnraumbodenecke, wodurch sich öffentlicher und privater Raum überlagern. Die Skulptur erscheint dadurch gleichzeitig als Oberfläche und als Schnittmodell, als urbanes Fragment und archäologischer Querschnitt. Die freigelegten Kanten verweisen auf Prozesse der Extraktion und Zerlegung: Der Ort wurde nicht einfach kopiert, sondern gewissermaßen aus der Realität herausgeschnitten.
Gerade hierin liegt eine zentrale Qualität der Arbeit im Kontext gegenwärtiger skulpturaler Praxis. „load selection“ behandelt Raum nicht als neutralen Container, sondern als medial konstruiertes Verhältnis. Der öffentliche Raum wird nicht repräsentiert, sondern in einen instabilen Zustand zwischen Realität, Modell und Bild versetzt. Die Arbeit erzeugt eine Irritation zwischen Wiedererkennbarkeit und Entfremdung: Obwohl die verwendeten Materialien und architektonischen Elemente unmittelbar vertraut erscheinen, entzieht sich ihre räumliche Organisation jeder funktionalen Logik. Der Ort bleibt lesbar und zugleich unmöglich.
So entsteht eine Skulptur, die weniger Objekt als räumliche Denkfigur ist. Sie untersucht, wie Wirklichkeit durch Projektion, Ausschnitt, Übertragung und Materialisierung erzeugt wird. In einer Zeit, in der digitale Bilder zunehmend unsere Wahrnehmung von Architektur und urbanem Raum prägen, führt „load selection“ diese Bedingungen zurück in eine physische Erfahrung. Die Arbeit macht sichtbar, dass auch der scheinbar reale Raum längst von Bildoperationen durchdrungen ist – und dass Skulptur heute nicht mehr nur Masse im Raum bedeutet, sondern die kritische Verhandlung der Systeme, durch die Raum überhaupt erscheint.
verschiedene Materialien, ca.300x200x200cm, 2008